Genau so ist es!
Beziehung und Erziehung.
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Ein lesenswerter Artikel vom „Hundezentrum Mittelfranken“
„Im Hundetraining wird heute viel von Beziehung gesprochen. Und gleichzeitig erstaunlich wenig davon verstanden. Beziehung wird gerne als Gegenpol zur Erziehung dargestellt. Hier das Harte, dort das Weiche. Hier Regeln, dort Vertrauen. Diese Trennung ist bequem, aber sie ist falsch.
Ein Hund erlebt keine Beziehung ohne Erziehung und keine Erziehung ohne Beziehung. Er unterscheidet das nicht. Das tut nur der Mensch.
Lernen ist kein Trainingswerkzeug
Hunde lernen nicht dann, wenn wir trainieren, sondern ständig. Sie lernen aus Konsequenzen, aus Wiederholung, aus Erwartung und Enttäuschung. Sie lernen aus Nähe genauso wie aus Distanz. Und sie lernen aus Frustration, ob wir das gut finden oder nicht.
Ein Trainingsverständnis, das Frustration grundsätzlich vermeiden will, widerspricht der Lernbiologie. Frustrationstoleranz entsteht nicht durch Belohnung, sondern durch das Erleben von Begrenzung in einem sicheren Rahmen. Wer dem Hund diese Erfahrungen nimmt, verhindert Entwicklung.
Beziehung ohne Grenze ist keine Beziehung
Beziehung wird oft romantisiert. Als würde sie entstehen, wenn man möglichst wenig eingreift. Wenn man möglichst viel erlaubt. Wenn man möglichst nett ist. Für einen sozialen Hund ist das kein Beziehungsangebot, sondern Unklarheit.
Beziehung bedeutet Orientierung. Orientierung entsteht dort, wo Verhalten beantwortet wird. Nicht brutal, nicht unkontrolliert, aber eindeutig. Ein Hund, der nicht weiß, woran er ist, steht nicht in Beziehung, sondern im Dauerstress.
Aversivität ist kein Trainingsfehler
Im sozialen Verhalten von Hunden ist Aversivität selbstverständlich. Abwenden, Raum beanspruchen, Verhalten stoppen, Interaktion beenden. Das sind keine Eskalationen, sondern Regulierung. Wer Aversivität aus dem Zusammenleben verbannen will, ersetzt Biologie durch Wunschdenken.
Das Paradoxe ist, auch die sogenannten positiven Methoden arbeiten mit Aversivität. Ignorieren ist aversiv. Unterbrechen ist aversiv. Der Unterschied liegt nicht im Vorhandensein, sondern im Umgang damit. Wer behauptet, aversionsfrei zu arbeiten, benennt nur nicht, was er tut.
Wenn Sachfragen persönlich werden
Ein auffälliges Phänomen in der aktuellen Diskussion ist die schnelle Verschiebung von der Sachebene auf die persönliche Ebene. Statt über Lernbiologie, Verhalten oder Beziehung zu sprechen, wird begonnen, Personen zu bewerten. Man schaut in die Vergangenheit, wühlt im Keller, sucht alte Aussagen, alte Bilder, alte Methoden.
Nicht, um Zusammenhänge zu verstehen, sondern um Menschen kleinzureden. Wer nicht dem eigenen Umgang mit Hunden entspricht, wird moralisch abgewertet. Der Fokus liegt dann nicht mehr auf dem Hund, sondern auf der Person.
Diese Form der Auseinandersetzung ersetzt Argumente durch Zuschreibungen. Sie verhindert fachlichen Austausch und verschiebt den Blick weg vom Wesentlichen. Der Hund spielt in diesem Moment kaum noch eine Rolle.
Erziehung passiert sowieso
Ob man erzieht oder nicht, ist keine offene Frage. Jeder Hund wird erzogen. Die Frage ist nur, ob bewusst oder zufällig. Wer glaubt, durch Zurückhaltung keine Erziehung zu betreiben, überlässt dem Hund die Aufgabe, sich selbst zu regulieren. Das funktioniert selten.
Erziehung ist keine Technik. Sie ist die Summe aus Beziehung, Konsequenz und Vorhersagbarkeit. Wer sich ausschließlich auf Trainingssysteme konzentriert, verpasst den Kern. Wer sich ausschließlich auf Beziehung beruft, vermeidet Verantwortung.
Das Wesentliche gerät aus dem Blick
Wenn Diskussionen sich darum drehen, wer Recht hat, wer früher was gemacht hat oder wer moralisch überlegen ist, geht der Blick auf den Hund verloren. Dabei wäre genau hier der Punkt, an dem man ansetzen müsste. Beim Verständnis für Lernprozesse, für soziale Dynamik und für die Biologie des Hundes.
Ein Hund braucht keine Ideologie. Er braucht Menschen, die bereit sind, genau hinzusehen und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Nicht perfekt, sondern reflektiert. Nicht dogmatisch, sondern ehrlich.“
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